Management, International anerkannt

ISO 9001:2026 – Warum die Revision nicht für jede Branche dasselbe bedeutet

Claudia Furger

Claudia Furger

Veröffentlicht am: 19.08.2026

Lesedauer

ca. 5 Minuten

Millionen von zertifizierten und nicht zertifizierten Organisationen weltweit arbeiten nach der ISO 9001 – vom Industriebetrieb bis zum Spital, vom KMU bis zum globalen Konzern. Am 16. September 2026 erscheint die revidierte Norm. Sie setzt weniger auf zusätzliche Anforderungen als auf ein erweitertes Verständnis unternehmerischer Qualität. Vier Auditorinnen und Auditoren der SQS ordnen die wichtigsten Änderungen ein und erläutern, welche Auswirkungen die Revision auf unterschiedliche Branchen haben dürfte.

Dienstleistung

Gerlinde Frera
SQS-Fachbereichsleiterin

«Klimaaspekte in der Lieferkette werden Unternehmen stärker beschäftigen.»

Gesundheit, Soziales und Bildung

Thomas Bolliger
SQS-Auditor

«Je stärker die Norm Kultur und Haltung betont, umso wichtiger sind erfahrene Auditierende.»

Industrie

Stephanie Seegers
SQS-Fachbereichsleiterin

«Der Fokus auf Chancen dürfte die Aufmerksamkeit auf neue Produkte und neue Märkte lenken.»

Bau

Christoph Abert
SQS-Auditor

«Die Revision stärkt Unternehmen, die Qualität leben.»


Die 5 wichtigsten Neuerungen der ISO 9001:2026

 

Klimabezogene Massnahmen
Feste Integration der im Jahr 2024 eingeführten Ergänzung zu klimabezogenen Massnahmen.

Einführung von Qualitätskultur und ethischem Verhalten
Qualitätskultur und ethisches Verhalten werden als Anforderungen ausdrücklich verankert.

Strategische Ausrichtung
Präzisere Verbindung zwischen der strategischen Ausrichtung der Organisation und den beabsichtigten Ergebnissen des Qualitätsmanagementsystems.

Trennung von Risiken und Chancen
Risiken und Chancen werden klarer voneinander unterschieden, wobei Massnahmen zur Behandlung jeweils separat betrachtet werden. 

Stärkung des Änderungsmanagements
Anforderungen im Zusammenhang mit Änderungen am Qualitätsmanagementsystem wurden verstärkt. 

Gerlinde Frera rund

Gerlinde Frera
SQS-Fachbereichsleiterin

Branche Dienstleistung

«Klimaaspekte in der Lieferkette werden Unternehmen stärker beschäftigen.»

Qualitätskultur und ethisches Verhalten werden explizit verankert.
Was bedeutet das für Ihre Branche?    

Homeoffice und virtuelle Teams haben die Dienstleistungsbranche nachhaltig verändert. Kultur entsteht heute nicht mehr automatisch im gemeinsamen Büroalltag. Die ISO 9001:2026 stellt deshalb eine wichtige Frage: Wie gelingt ein gemeinsames Verständnis einer Qualitätskultur, wenn Teams räumlich getrennt arbeiten? Für viele Unternehmen wird das ein Anstoss sein, sich bewusster mit ihren Werten auseinanderzusetzen.


Die Verantwortung des Topmanagements wird klarer formuliert.
Was dürfte sich dadurch verändern?    

Grundlegende Veränderungen erwarte ich nicht. Viele Unternehmen sehen ihre Führungskräfte bereits heute in der Verantwortung. Spannender ist eine andere Frage: Wie viele Projekte und Verantwortlichkeiten lassen sich überhaupt noch sinnvoll steuern? Denn mehr Verantwortung führt nicht automatisch zu mehr Wirkung.


Chancen und Risiken werden getrennt betrachtet.
Welche Auswirkungen erwarten Sie?    

Die Revision hilft, den Blick stärker nach vorne zu richten. Wo liegen Potenziale? Welche Geschäftsmöglichkeiten ergeben sich? Genau diese Fragen dürften künftig stärker in den Fokus rücken und Organisationen voranbringen.


Klimabezogene Aspekte werden fest in die Norm integriert.
Wie weit ist Ihre Branche heute bereits?    

Der Blick auf das eigene Unternehmen ist vielerorts vorhanden. Weniger beachtet werden oft die Auswirkungen entlang der Lieferkette. Was passiert, wenn Lieferanten ausfallen oder Kunden ihre Nachfrage verändern? Genau diese Zusammenhänge werden Unternehmen künftig stärker beschäftigen.


Kultur und Haltung rücken stärker in den Fokus.
Welche Rolle spielen Zertifizierungsstellen dabei?    

Gerade dort, wo Normen Interpretationsspielraum lassen, braucht es unsere Unabhängigkeit und Fähigkeit, die kundenspezifische Umsetzung neutral und sachlich zu beurteilen. Denn wir Auditierende überprüfen das Managementsystem und dessen Wirksamkeit – nicht einzelne Geschäftsentscheide.
 

Thomas Bolliger rund

Thomas Bolliger
SQS-Auditor

Branche Gesundheit, Soziales und Bildung

«Je stärker die Norm Kultur und Haltung betont, umso wichtiger sind erfahrene Auditierende.»

Qualitätskultur und ethisches Verhalten werden explizit verankert.
Was bedeutet das für Ihre Branche?    

In unseren Branchen entsteht Qualität vor allem in der direkten Interaktion zwischen Menschen. Vertrauen, Respekt und ethisches Handeln sind dafür zentral. Die revidierte Norm greift dieses bereits gelebte Qualitätsverständnis auf, fordert jedoch stärker dazu auf, diese kulturellen und ethischen Dimensionen bewusst zu reflektieren, sichtbar zu machen und systematisch in Führung und Management zu verankern.


Die Verantwortung des Topmanagements wird klarer formuliert.
Was dürfte sich dadurch verändern?    

Die Revision dürfte dazu beitragen, den Blick auf Qualität zu verändern: weg von einer primär operativen und dokumentationsgetriebenen Aufgabe, hin zu einem Thema der strategischen Führung. Das Topmanagement wird dadurch stärker gefordert sein, Qualität in Entscheidungen einzubeziehen und die nötigen Ressourcen bereitzustellen.


Chancen und Risiken werden getrennt betrachtet.
Welche Auswirkungen erwarten Sie?    

Neue Versorgungsmodelle, digitale Lernangebote oder neue Formen der Zusammenarbeit – ein stärkerer Fokus auf Chancen dürfte Innovationen fördern. Organisationen könnten dadurch agiler werden und besser auf gesellschaftliche Veränderungen reagieren.


Klimabezogene Aspekte werden fest in die Norm integriert.
Wie weit ist Ihre Branche heute bereits?    

Der Klimawandel wird zunehmend als relevanter Einflussfaktor erkannt, befindet sich in vielen Organisationen aber noch in einer Übergangsphase zwischen formaler Berücksichtigung und gelebter Praxis.


Kultur und Haltung rücken stärker in den Fokus.
Welche Rolle spielen Zertifizierungsstellen dabei?    

Je stärker Normen Kultur und Haltung betonen, desto wichtiger werden Auditierende, die ihre Kunden und deren Herausforderungen verstehen. Neben ihrer Prüfrolle bringen sie als kompetente Sparringspartner einen wertvollen Aussenblick ein. 

Stephanie Seegers rund

Stephanie Seegers
SQS-Fachbereichsleiterin

Branche Industrie

«Der Fokus auf Chancen dürfte die Aufmerksamkeit auf neue Produkte und neue Märkte lenken.»

Qualitätskultur und ethisches Verhalten werden explizit verankert.
Was bedeutet das für Ihre Branche?    

Eigentlich ist die Forderung nicht neu. Qualitätskultur war schon immer einer der wichtigsten Erfolgsfaktoren für ein wirksames Qualitätsmanagementsystem. Neu ist, dass die Norm sie nun ausdrücklich benennt. Das ist ein wichtiges Signal und dürfte viele Führungsteams dazu anregen, sich bewusster mit Kultur, Werten und ethischem Verhalten auseinanderzusetzen.


Die Verantwortung des Topmanagements wird klarer formuliert.
Was dürfte sich dadurch verändern?    

Qualität steht und fällt mit der Haltung der obersten Leitung. In Branchen wie der Medizintechnik oder der Aviatik ist dieses Bewusstsein seit Jahren fest verankert. Andere Bereiche werden sich schrittweise an die neuen Erwartungen annähern. Gerade kleinere Unternehmen dürften dafür etwas Zeit benötigen.


Chancen und Risiken werden getrennt betrachtet.
Welche Auswirkungen erwarten Sie?    

Der stärkere Fokus auf Chancen dürfte die Aufmerksamkeit bewusster auf neue Produkte und neue Märkte lenken. Für Unternehmen könnte das bedeuten, Potenziale gezielter zu nutzen und ihre Weiterentwicklung aktiver zu gestalten.


Klimabezogene Aspekte werden fest in die Norm integriert.
Wie weit ist Ihre Branche heute bereits?    

Die Ergänzung im Jahr 2024 hat die Diskussion deutlich beschleunigt. Wer bereits ein Umweltmanagementsystem nach ISO 14001 betrieb, war gut vorbereitet. Andere mussten sich erstmals systematisch mit klimabezogenen Risiken und Chancen auseinandersetzen. 


Kultur und Haltung rücken stärker in den Fokus.
Welche Rolle spielen Zertifizierungsstellen dabei?    

Im Audit suchen wir nicht nach Fehlern, sondern nach Nachweisen dafür, dass Anforderungen erfüllt werden. Gespräche werden deshalb noch wichtiger werden, um herauszufinden, ob sich die Unternehmen ernsthaft mit den Themen auseinandergesetzt haben.  

Christoph Abert rund

Christoph Abert
SQS-Auditor

Branche Bau

«Die Revision stärkt Unternehmen, die Qualität leben.»

Qualitätskultur und ethisches Verhalten werden explizit verankert.
Was bedeutet das für Ihre Branche?    

Die Entwicklung geht weiter hin zu reiferen Organisationen mit einer fest verankerten Qualitätskultur sowie selbstregulierenden und selbstlernenden Unternehmensstrukturen, die auf Überzeugung und gemeinschaftlicher Weiterentwicklung beruhen. Wie schnell diese hohen Ansprüche umgesetzt werden, hängt vom Reifegrad und Entwicklungswillen der Unternehmen ab.


Die Verantwortung des Topmanagements wird klarer formuliert.
Was dürfte sich dadurch verändern?    

Viele Unternehmen in der Baubranche verfügen bereits heute über engagierte und verantwortungsbewusste Führungsteams. Die Revision wird diesen Weg weiter stärken. Unternehmen, die diesen Weg bereits eingeschlagen haben, erhalten deshalb Rückenwind. Andere werden nachziehen müssen. 


Chancen und Risiken werden getrennt betrachtet.
Welche Auswirkungen erwarten Sie?    

Viele Unternehmen setzen schon heute auf Instrumente, die eine ausgewogene Sicht auf Chancen und Risiken erlauben. Dynamische Unternehmen werden sich durch das Wahrnehmen von Chancen weiterentwickeln. Das Risikomanagement stellt den Counterpart dar - vielleicht aber manchmal zu reaktiv als proaktiv verstanden.


Klimabezogene Aspekte werden fest in die Norm integriert.
Wie weit ist Ihre Branche heute bereits?    

Naturgefahren nehmen zu, nachhaltige Materialien gewinnen an Bedeutung und Lebenszyklusbetrachtungen fliessen immer häufiger in Ausschreibungen ein. Klimawandelthemen sind bereits im strategischen und operativen Alltag vieler Unternehmen der Baubranche präsent und werden bewusst gemanagt.


Kultur und Haltung rücken stärker in den Fokus.
Welche Rolle spielen Zertifizierungsstellen dabei?    

Die Beurteilung der glaubhaften Umsetzung einer Unternehmenskultur wird das Auditieren anspruchsvoller, aber auch interessanter machen. Die Fähigkeit von uns Auditierenden, dabei die nötige Vertrautheit zu entwickeln und gleichzeitig eine objektive Distanz zu wahren, wird eine Herausforderung mehr, der wir uns gerne stellen.
 

Lesen Sie weitere Blogartikel zur ISO 9001

Unser Newsletter bringt relevante und interessante Inhalte zu Ihnen

Möchten Sie informiert werden, wenn wir einen neuen Beitrag aufschalten? Dann abonnieren Sie unseren SQS-Blog-Newsletter. Sie können sich jederzeit wieder abmelden.