Zertifizierungen als Schlüssel zu öffentlichen Aufträgen
Veröffentlicht am: 18.05.2026
Lesedauer
ca. 6 Minuten
Der Staat ist in der Schweiz ein wichtiger Auftraggeber. Für Unternehmen, die sich um öffentliche Aufträge bewerben, sind die Anforderungen in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Zertifizierungen spielen dabei eine immer grössere Rolle. Was bedeutet das für Unternehmen, insbesondere für KMU? Wird der Wettbewerb gefördert oder eingeschränkt? Prof. Dr. Rika Koch von der Berner Fachhochschule ordnet ein.
Frau Koch, ohne Zertifizierungen geht bei öffentlichen Ausschreibungen heute kaum noch etwas. Täuscht dieser Eindruck?
Nein, der täuscht nicht. Zertifizierungen spielen heute eine wesentlich grössere Rolle als früher.
Warum?
Öffentliche Beschaffungsstellen stehen vor der Herausforderung, sehr viele und sehr unterschiedliche Anforderungen gleichzeitig berücksichtigen zu müssen. Zertifizierungen helfen dabei, den Überblick zu behalten und Angebote besser vergleichen und einschätzen zu können.
Was hat diese Entwicklung ausgelöst?
Ein wesentlicher Treiber ist sicher, dass zum Beispiel Nachhaltigkeit im Bundesgesetz über das öffentliche Beschaffungswesen seit der Revision 2021 ausdrücklich verankert ist. Das heisst: Der Zuschlag geht heute nicht mehr einfach an das günstigste Angebot, sondern an das wirtschaftlich vorteilhafteste insgesamt. Und da spielen neben dem Preis eben auch ökologische und soziale Aspekte eine wichtige Rolle.
Rika Koch ist Professorin für Öffentliches Beschaffungsrecht an der Berner Fachhochschule BFH, wo sie auch die Co-Leitung der Fachgruppe Public Procurement and Law (PPL) innehat. Die Fachgruppe PPL forscht an der Schnittstelle des öffentlichen Beschaffungswesens zur Nachhaltigkeit, Digitalisierung und zum internationalen Handelsrecht.
Und darüber hinaus?
Auch haben sich die Anforderungen in der Informationssicherheit oder im Umgang mit künstlicher Intelligenz deutlich erhöht. Auftraggeber müssen heute genauer hinschauen, wie Anbieter in solchen Bereichen aufgestellt sind. Entsprechend wächst der Bedarf an klaren, standardisierten Nachweisen, um Angebote gut vergleichen zu können.
Die öffentliche Hand beschafft jährlich Güter und Dienstleistungen im Wert von rund 40 Milliarden Franken
Quellen alle Grafiken: BAFU und Reporting Bundesverwaltung 2024
Heisst das, Zertifizierungen sind vor allem ein Mittel, um Komplexität beherrschbar zu machen?
Genau. Ohne solche Normen und Standards wäre es für öffentliche Beschaffungsstellen kaum möglich, die heutigen komplexen Anforderungen konsistent zu prüfen.
Öffentliche Auftraggeber sind stärker reguliert als private. Wie wirkt sich das auf ihren Umgang mit Zertifizierungen aus?
Das erwähnte Bundesgesetz sowie die Interkantonale Vereinbarung über das öffentliche Beschaffungswesen (IVöB) schaffen auf Bundes-, Kantons- und Gemeindeebene einen klaren Rahmen. Einerseits verpflichtet dieser Rahmen die Auftraggeber, nachhaltig zu beschaffen und qualitativ gute Angebote auszuwählen. Andererseits dürfen sie nicht einfach beliebige Zertifikate verlangen. Sie müssen aufpassen, dass sie den Wettbewerb nicht verzerren oder etwa Greenwashing Vorschub leisten.
Das klingt nach einem Spannungsfeld. Wo liegen hier die Grenzen?
Ein zentraler Punkt ist das Gleichbehandlungsgebot. Es besagt, dass sich Beschaffungsstellen fair und neutral gegenüber allen Anbietern verhalten müssen. Sie dürfen also zum Beispiel keine Zertifizierung einfordern, die für ortsansässige Firmen einfacher zu erfüllen ist als für ausländische. Nachweise müssen deshalb international anerkannt und marktüblich sein. Bei obligatorischen Zertifizierungen, insbesondere in Form von technischen Spezifikationen, muss zudem der sogenannte Gleichwertigkeitsnachweis möglich sein.
Das heisst?
Wenn eine bestimmte Zertifizierung verlangt wird, müssen Anbieter grundsätzlich auch auf andere Weise zeigen können, dass sie die Anforderungen erfüllen. Weitere Grenzen setzt das Transparenzgebot. Es besagt, dass die Kriterien, die einer Zertifizierung zugrunde liegen, in der Ausschreibung klar formuliert werden müssen. So wissen Anbieter, was gefordert ist, und können entscheiden, ob sie den Zertifizierungsprozess auf sich nehmen wollen.
Wenn man in die Praxis schaut, scheint sich dabei ein relativ enger Kanon an Zertifizierungen durchgesetzt zu haben. Ist das richtig?
Das müsste man systematisch untersuchen. Aber Normen wie der ISO 9001 oder der ISO 14001 begegnet man tatsächlich sehr häufig.
Warum gerade diese? Liegt das an den Anforderungen oder an der Marktdynamik?
Wahrscheinlich an beidem. Diese Zertifizierungen haben sich als verlässlicher, international anerkannter Nachweis etabliert. Gleichzeitig reagieren Unternehmen auf Nachfrage. Wenn bestimmte Zertifikate immer wieder verlangt werden, passen sie sich entsprechend an.
Sehen Sie dabei Unterschiede zwischen Bund, Kantonen und Gemeinden?
Das ist eine spannende Frage. Hier müsste man ebenfalls genauer hinschauen und Ausschreibungsdaten systematisch auswerten. In unseren Forschungsprojekten analysieren wir solche Daten mit unserem Tool intelliprocure.ch. Dabei zeigte sich oft, dass es zwischen den einzelnen Beschaffungsstellen tatsächlich grosse Unterschiede geben kann.
Woran liegt das?
Für kleinere Gemeinden ist es möglicherweise schwieriger, sich im Zertifizierungs- und Label-Dschungel zurechtzufinden und den Überblick zu behalten. Gleichzeitig kann es für sie auch hilfreich sein, sich auf bestehende Zertifizierungen zu stützen, statt die Anforderungen jedes Mal neu definieren zu müssen.
Wenn wir auf einzelne Branchen schauen: Wo sind Zertifizierungen besonders relevant?
Die Baubranche ist im Vergleich zu anderen Sektoren stärker reguliert und durch zahlreiche Normen geprägt. Im IT-Bereich werden ebenfalls zunehmend Standards und Zertifizierungen gefordert.
In welchen Bereichen die Bundesverwaltung am meisten Dienstleistungen
und Güter bezieht
Die fünf umsatzstärksten Lieferanten im Bereich «Bau» sind mehrheitlich für das ASTRA im Nationalstrassen- und Tunnelbau tätig.
Vier dieser fünf Lieferanten sind SQS-Kunden.
Implenia ist der umsatzstärkste Baulieferant. Lesen Sie im Interview, wie das Unternehmen mit den erhöhten Anforderungen umgeht.
Hat das mit den zunehmenden Risiken zu tun?
Ja. Spätestens seit dem Hackerangriff auf Xplain im Frühling 2023 ist ein deutlicher Anstieg der Bedeutung von Cybersecurity-Standards zu beobachten. Früher wurde das Thema teilweise vernachlässigt. Nun schwingt das Pendel in die andere Richtung, und wir sehen schon fast einen «Overkill» an solchen Zertifizierungs-Anforderungen.
Also eine Art Gegenreaktion auf Sicherheitsvorfälle?
Ja. Wir erwarten, dass sich das mittelfristig wieder einpendelt. Gleichzeitig werden neue Themen wie künstliche Intelligenz zusätzliche Standards hervorbringen.
Das bringt uns zu den Unternehmen. Gerade für KMU sind Zertifizierungen oft eine Hürde. Wie gross ist das Problem?
Die Zunahme an Zertifizierungsanforderungen belastet KMU stark. Es gibt immer mehr Vorgaben und Anforderungen, die teilweise faktisch wie Gesetze wirken, und das kann eine erhebliche Einstiegshürde darstellen.
Droht hier eine systematische Benachteiligung von KMU?
Diese Gefahr besteht durchaus. Umso wichtiger ist es, dass Beschaffungsstellen mit solchen Anforderungen umsichtig umgehen und es nicht übertreiben. Sie sollten darauf achten, nur dort Zertifizierungen zu verlangen, wo sie wirklich sinnvoll sind, und immer auch gleichwertige Nachweise zulassen. Zudem gibt es Instrumente, um die Teilnahme von KMU zu erleichtern, etwa die Möglichkeit von Bietergemeinschaften.
In der Summe stellt sich die Frage, ob Zertifizierungen den Wettbewerb eher fördern oder behindern. Wie sehen Sie das?
Beides ist möglich. Zertifizierungen können helfen, Qualitätsanforderungen durchzusetzen und Angebote besser vergleichbar zu machen. Gleichzeitig besteht aber auch die Gefahr, dass sie den Wettbewerb einschränken, wenn sie zu umfangreich oder zu spezifisch eingesetzt werden. Das Gleichbehandlungsgebot zu wahren, ist hier ein anspruchsvoller Balanceakt. Dafür braucht es ein gutes Gespür und entsprechendes Marktwissen.
Wenn wir nach vorne schauen: Wird der Staat als Auftraggeber künftig noch stärker auf Nachweise und Zertifizierungen setzen?
Ja, davon ist auszugehen. Themen wie Nachhaltigkeit werden weiter an Bedeutung gewinnen, ebenso Themen wie Informationssicherheit und künstliche Intelligenz. Zertifizierungen setzen hier wichtige Standards, und es spricht vieles dafür, dass ihre Bedeutung weiter zunehmen wird.
Ist das aus Ihrer Sicht unproblematisch?
Rechtswissenschaftliche Kreise beobachten diese Entwicklung kritisch. Normen und Standards können teilweise ähnlich verbindlich wirken wie Gesetze, sind aber nicht demokratisch legitimiert und mit erheblichen Kosten verbunden.
Zum Schluss: Was raten Sie Unternehmen, die neu in den Markt für öffentliche Aufträge einsteigen wollen?
Sie sollten sich frühzeitig mit den Anforderungen auseinandersetzen und ihre Möglichkeiten genau prüfen. Wichtig ist zu wissen, dass nicht immer exakt das geforderte Zertifikat notwendig ist, solange ein Unternehmen gleichwertige Nachweise erbringen kann.
Der gesetzliche Rahmen der öffentlichen Beschaffung
Die Basis für das öffentliche Beschaffungsrecht in der Schweiz bildet das WTO-Übereinkommen über das öffentliche Beschaffungswesen (GPA-WTO), in dem die Mindestanforderungen festgehalten sind. Die öffentlichen Beschaffungen des Bundes regeln das Bundesgesetz über das öffentliche Beschaffungswesen (BöB) und die Verordnung über das öffentliche Beschaffungswesen (VöB), die beide per 1. Januar 2021 revidiert wurden. Die im Jahr 2019 angepasste Interkantonale Vereinbarung über das öffentliche Beschaffungswesen (IVöB) bietet einen Gesetzesrahmen auf kantonaler und kommunaler Ebene. Dieser Rahmen wird durch die jeweiligen kantonalen Ausführungsgesetze konkretisiert.
Quellen: UVEK, EDA und KMU-Portal
Wie öffentliche Aufträge in der Schweiz vergeben werden
Eine entscheidende Rolle bezüglich der Ausschreibung spielen sogenannte Schwellenwerte. Grundsätzlich gilt: Überschreitet ein Auftrag für Waren und Dienstleistungen 230 000 Franken, wird er öffentlich ausgeschrieben. Bei Bauwerken liegt dieser Wert bei 2 Millionen Franken. Kleinere Aufträge können dagegen flexibler vergeben werden. Ausschreibungen werden zentral über die Plattform SIMAP veröffentlicht, die von Bund, Kantonen und Gemeinden gemeinsam genutzt wird. Dort finden sich Projekte aus der ganzen Schweiz – vom grossen Infrastrukturvorhaben bis zum kleineren IT-Auftrag. Bemerkenswert ist die Breite der Anbieter: Neben grossen Baukonzernen erhalten auch kleine und mittlere Unternehmen regelmässig Zuschläge. Selbst Einpersonenbetriebe können sich um öffentliche Aufträge bewerben, etwa im Dienstleistungsbereich.
Quellen: UVEK, EDA und KMU-Portal
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