«Nachhaltigkeit ist kein Sprint, sondern ein Marathon»
Veröffentlicht am: 08.09.2026
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Mit dem Sustainability Performance Standard (SPS) der SQS hat sich die MCH Group ihre Nachhaltigkeitsarbeit erstmals unabhängig bewerten lassen. Für das Messeunternehmen ist die Zertifizierung des SPS-Managementsystems nur eine Zwischenetappe. Die Head of Group Sustainability Kim Berrendorf spricht darüber, wie sie Nachhaltigkeit langfristig verankern will – in einem Unternehmen, das in Basel verwurzelt ist und gleichzeitig Menschen, Ideen und Märkte rund um den Globus verbindet.
Bahn um Bahn zieht der Kran das riesige Ausstellungsbanner an der Hausfassade empor. Für einen Moment bläht sich das Tuch im Wind auf wie ein Segel. Dann wird es straffgezogen und befestigt. Darunter rangieren Lastwagen, piepsen Rückfahrwarner und Männer in Leuchtwesten rufen sich Anweisungen zu. Die Art Basel 2026 nimmt auf dem Basler Messegelände Gestalt an.
Hoch über dem geschäftigen Aufbau, in einem Sitzungszimmer des Messeturms, richtet Kim Berrendorf ihre Aufmerksamkeit auf ein anderes Thema. Die Head of Group Sustainability zeigt Prozessabläufe, führt durch die doppelte Wesentlichkeitsanalyse und spricht über Praxisbeispiele. Der Auditor der Schweizerischen Vereinigung für Qualitäts- und Management-Systeme (SQS) hört zu, stellt eine Frage, notiert. Berrendorfs Team ergänzt, erklärt, liefert Belege. Es ist der Tag des Zertifizierungsaudits nach dem Sustainability Performance Standard. Für die MCH Group das erste Mal, dass sie ihre Nachhaltigkeitsarbeit unabhängig prüfen lässt.
Für viele wäre das Zertifikat, das die MCH Group später erhalten wird, der Schlusspunkt – ein Grund, einen Haken hinter das Thema zu setzen. Nicht für Berrendorf und ihr Team. «Natürlich freuen wir uns, wenn wir nach dem SPS zertifiziert sind», sagt sie. Die Auszeichnung mache sichtbar, was im Unternehmen aufgebaut wurde, und sie schaffe Glaubwürdigkeit gegenüber der Geschäftsleitung, gegenüber Kundinnen und Kunden, Veranstaltern, Partnern und Behörden. Gerade in einer Branche, in der Nachhaltigkeit bei Ausschreibungen und Standortentscheiden zunehmend an Bedeutung gewinnt, ist das ein wichtiger Faktor. Hinzu komme die enge Verbindung zur Stadt Basel. Die Stadt positioniert sich seit Jahren als nachhaltige Destination und verfolgt dabei ambitionierte Ziele. Die MCH Group ist Teil dieses Ökosystems. Eine unabhängige Zertifizierung stärkt ihre Positionierung in diesem Umfeld und macht Fortschritte nachvollziehbar.
Zur Person
Kim Maike Berrendorf ist Head of Sustainability der MCH Group und verantwortet die gruppenweite Nachhaltigkeitsstrategie, ESG-Governance, Berichterstattung und Transformationsinitiativen. Die Wirtschaftspsychologin mit einem MSc in Sustainable Development verbindet strategische Nachhaltigkeit mit Kommunikation und konkreter Umsetzung – mit besonderem Fokus darauf, Nachhaltigkeit wirksam in Unternehmen und Geschäftsmodelle zu integrieren.
Doch für Kim Berrendorf bringt die Auszeichnung noch andere Vorteile. «Das Zertifikat schafft Sichtbarkeit. Der Prozess dahinter schafft Orientierung». Denn die SPS-Zertifizierung ermögliche eine unabhängige Sicht von aussen auf die eigene Organisation und helfe dabei, Fortschritte einzuordnen, Potenziale zu erkennen und die nächsten Schritte zu definieren. Gleichzeitig versteht die MCH Group den SPS als Verpflichtung zur kontinuierlichen Weiterentwicklung. Denn Nachhaltigkeit sei kein Zustand, den man irgendwann erreiche, sondern ein fortlaufender Prozess. Der Standard fordert dazu auf, diesen Anspruch im Alltag zu verankern. Doch die SPS-Zertifizierung erzählt nur einen Teil der Geschichte.
Zuhören, bevor man handelt
Als Kim Berrendorf im Januar 2024 zur MCH Group stiess, hatte sie keine fertige Strategie im Gepäck. Gemeinsam mit ihrem Team wollte sie zunächst verstehen, wie die Organisation – mit ihren aktuell 1’348 Mitarbeitenden und einem Operating Income von CHF 429,6 Millionen – funktioniert. Also suchte sie das Gespräch. Mit Mitarbeitenden, Bereichsleitenden und Mitgliedern der Geschäftsleitung. Wo bestehen bereits nachhaltige Lösungen? Wo liegen die grössten Herausforderungen? Und vor allem: Wo kann die MCH Group überhaupt etwas bewirken?
Der persönliche Austausch sei entscheidend gewesen, sagt Kim Berrendorf rückblickend. Wer Nachhaltigkeit in einem Unternehmen dieser Grösse verankern wolle, könne nicht einfach ein Konzept schreiben und auf die Umsetzung hoffen. Es brauche Menschen, die den Weg mitgingen. Und diese Menschen müssten verstehen, weshalb das Thema für ihren Arbeitsalltag relevant sei. «Darum wollten wir in jedem Fachbereich den Bezug zur täglichen Arbeit herstellen». Nachhaltigkeit dürfe nicht als zusätzliche Aufgabe wahrgenommen, sondern müsse als Teil der Lösung verstanden werden – sei es durch effizientere Prozesse, einen bewussteren Umgang mit Ressourcen oder neue Geschäftschancen. Erst wenn dieser Nutzen sichtbar werde, beginne sich etwas zu bewegen.
Aus Gesprächen wird DARE
Aus diesen Erkenntnissen entstand das Konzept «DARE». Das Wort bedeutet auf Englisch «wagen». Als Kürzel steht es für «Decarbonize», «Accelerate», «Rethink» und «Empower». Vier Handlungsfelder, mit denen die MCH Group Nachhaltigkeit in ihrem Kerngeschäft verankern will. DARE soll dabei nicht nur Orientierung geben, sondern konkrete Veränderungen anstossen.
Die Grundlage für DARE bildet eine umfassende Materialitätsanalyse. Bereits 2022 hatte die MCH Group mehr als 200 interne und externe Anspruchsgruppen entlang der Wertschöpfungskette befragt. Insgesamt wurden 30 Themen hinsichtlich ihrer Relevanz, ihrer Auswirkungen sowie ihres Bezugs zu Menschenrechten überprüft. 2024 wurde die Analyse aktualisiert, um die Prinzipien der doppelten Wesentlichkeit gemäss den European Sustainability Reporting Standards (ESRS) zu berücksichtigen. Dabei schaute das Unternehmen in zwei Richtungen: Was bewirkt die MCH Group in der Welt – und was bewirkt die Welt in der MCH Group? Die Ergebnisse flossen in acht zentrale Themen, die die Grundlage der Materialitätsmatrix bilden und jährlich durch den Global Sustainability Steering Council überprüft werden. Das interdisziplinäre interne Gremium trifft sich vierteljährlich, um Nachhaltigkeitsinitiativen in allen Geschäftsbereichen zu überwachen, zu bewerten und zu steuern.
Doch Analysen und Matrizen bleiben abstrakt, solange sie sich nicht in konkretem Handeln niederschlagen. Wie das aussehen kann, zeigt ein gemeinsames Projekt der MCH Group, des Ateliers Pulfer + Aeberhard und des Kunsthauses Interlaken. Übrig gebliebene Schreinerplatten der Art Basel wurden nicht entsorgt, sondern als strukturelle Grundlage für einen temporären Pavillon weiterverwendet. Installiert auf der Höhematte in Interlaken, beherbergte dieser dann die Ausstellung «Glass is a Mixture». Ähnliches geschah in Allschwil: In der Eventlocation Yoko 2026 fand ein langjährig eingelagerter Pavillon der Baselworld eine neue Bestimmung. Diese und weitere Projekte zeigen, wie zirkuläres Denken neue Partnerschaften ermöglicht und Materialien ein zweites «Leben» gibt.
Ein Dialog, der lokal beginnt und global wirkt
Dabei weiss Kim Berrendorf, dass nicht jedes Konzept gleich funktioniert. «Wir wollen dort Wirkung entfalten, wo wir tatsächlich Einfluss nehmen können», sagt sie. Durch Austausch, Sichtbarkeit und die Förderung nachhaltiger Lösungen entlang der Wertschöpfungskette. «Je nach Standort unterscheidet sich dieser Einfluss aber erheblich». In Basel gelten andere Voraussetzungen als an Standorten im Ausland. Was in der Schweiz gilt - transparente Berichterstattung, ambitionierte Klimaziele, gesellschaftliche Erwartung an unternehmerische Verantwortung - ist andernorts noch im Entstehen. «Wir können nicht überall denselben Standard voraussetzen», sagt Berrendorf. «Aber wir können zeigen, was möglich ist.» Nachhaltigkeit sei deshalb kein einheitliches Paket, das man weltweit gleich ausrolle, sondern ein Dialog, der lokal beginne und global wirke.
Deshalb sucht die MCH Group auch bewusst den Austausch mit Partnern und Institutionen, die ähnliche Ziele verfolgen. Seit 2024 ist das Unternehmen Mitglied im Nachhaltigkeitsrat Basel-Stadt. Mit Swisstainable Schweiz, der UFI Sustainability Working Group und der Gallery Climate Coalition pflegt sie Partnerschaften, die über einzelne Projekte hinausreichen. Gleichzeitig engagiert sich die MCH Group in der Brancheninitiative Net Zero Carbon Events, die den Wandel der internationalen Eventbranche hin zu Netto-Null-Emissionen vorantreiben will.
«Man entwickelt sich laufend weiter, macht es nie von Anfang an richtig», sagt Kim Berrendorf abschliessend. «Und Nachhaltigkeit braucht Zeit. Denn das Thema ist kein Sprint, sondern ein Marathon». Sie lächelt, klappt den Laptop zu und packt ihre Unterlagen zusammen. Unten auf dem Messeplatz hat sich unterdessen einiges getan. Das riesige Ausstellungsbanner ziert jetzt die komplette Hausfassade. Die Absperrgitter und das erste Standbaumaterial sind angeliefert. Was am Morgen noch im Aufbau war, ist am Nachmittag ein Stück weiter. Nicht fertig. Aber weiter.
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