Management, SQS-Wissen

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist teuer

alex.gertschen@sqs.ch

Alex Gertschen

Veröffentlicht am: 30.04.2024

Lesedauer

ca. 5 Minuten

Unser Alltag wäre ohne Normen und Standards komplizierter, gefährlicher, unwägbarer. Ihre positive Wirkung entfalten sie auch deshalb, weil nicht nur die Anwender, sondern auch deren Zertifizierungs- und Bewertungsstellen geprüft werden. Kontrollen stärken das Vertrauen! Sie können es aber auch untergraben – und weitere unerwünschte Folgen haben. Bis hin zum «Verschwinden» des Menschen? 

Ein Essay von Alex Gertschen 

 

Die Schweizerische Vereinigung für Qualitäts- und Management-Systeme (SQS) gab 2023 im Verlag NZZ Libro das Buch «Räderwerke der Normalität. Wie Normen und Standards Vertrauen schaffen» heraus. Es zeigt auf, wie im Hintergrund wirkende Regelwerke unseren Alltag prägen. Sie tragen dazu bei, dass Unternehmen und andere Organisationen unsere hohen Erwartungen an die Qualität, die Sicherheit oder den Komfort zuverlässig erfüllen – und so unser Vertrauen in eine aussergewöhnliche Normalität stärken. 

 

Der Wert des Vertrauens 

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen haben aufgezeigt, dass die Bedeutung des Vertrauens kaum überschätzt werden kann. Ein Bestseller des Politologen Francis Fukuyama hiess «Trust. The Social Virtues and the Creation of Prosperity». Seine Hauptaussage: Vertrauen ist als Sozialkapital entscheidend für den Wohlstand einer Gesellschaft. Es ermöglicht oder erleichtert uns, gemeinsam Werte zu erarbeiten – statt dass wir unsere Kräfte und Ideen darauf verwenden (müssen), uns voreinander zu schützen. 

Soziologen wie Niklas Luhmann und Historikerinnen wie Ute Frevert haben beschrieben, dass sich Vertrauen nicht nur ökonomisch «bezahlt» macht. «Ohne jegliches Vertrauen (…) könnte der Mensch morgens sein Bett nicht verlassen», schrieb Luhmann. Denn wer weiss schon, was der Tag bringen wird! Vertrauen ist eine Voraussetzung für psychische Gesundheit. 

Referat und Umfrage am Lebensmitteltag 2024

Dieser Essay ist eine überarbeitete Fassung eines Referats, das der Autor am Lebensmitteltag 2024 am 18. April in Luzern hielt. Der Lebensmitteltag ist die wichtigste Veranstaltung zum Thema Lebensmittelsicherheit in der Schweiz und wird von rund 200 Vertreterinnen und Vertretern der Lebensmittelbranche besucht. 

Im Rahmen des Referats wurde eine kleine Umfrage durchgeführt, um herauszufinden, wie es um das Verhältnis von Kontrollen und Vertrauen im System der Lebensmittelsicherheit steht. Fazit: Eine Mehrheit ist zufrieden, aber eine relativ grosse Minderheit findet, dass zu viel bzw. «falsch» kontrolliert wird. Was für Ergebnisse eine solche Umfrage wohl in anderen Branchen ergeben würde...? 

 

 

 

Kalkül und Gefühl: So lautet Freverts Formel des Vertrauens. Es sei moralisch stark aufgeladen und umso schmerzhafter der Vertrauensbruch. Wenn wir vertrauen könnten, fühlten wir uns wohl und aufgehoben. Schliesslich gebe es immer eine letzte und noch so kleine Erwartungsunsicherheit. Wir wissen nie zu 100 Prozent, was der nächste Moment bringt, was die eine oder andere Person tun wird. Und diese Unsicherheit kann laut Frevert «nur durch eine emotional grundierte Haltung oder Einstellung übersprungen werden». 

Vertrauen hat als Ressource, mit der wir konkrete Ziele erreichen können, also einen instrumentellen Wert. Darüber hinaus ist sie als Voraussetzung für ein gesundes Menschen- und Zusammenleben «an sich» wertvoll, hat sie einen intrinsischen Wert. 

 

Normen vs. Standards 

Normen und Standards tragen zum Vertrauen als Kalkül und Gefühl bei. Sie treffen Aussagen darüber, was für Situationen und Handlungen wahrscheinlich sind. Und sie stabilisieren und reproduzieren unsere Normalität, indem sie uns vorgeben, wie man sich verhalten, was man tun sollte.  

Das ist ganz praktisch zu verstehen: Normen und Standards speichern Erfahrungswissen. Sie geben an, welche Handlungsweisen, Verfahren oder Techniken sich in bestimmten Situationen für bestimmte Zwecke bewährt haben. Solche Regeln können aber eben auch eine moralische und emotionale Dimension haben bzw. mit der Zeit erhalten. 

Hier drängt sich eine begriffliche Klärung auf. Auch wenn Normen und Standards auf Deutsch fast synonym verwendet werden: Es gibt Unterschiede. Gerade die Internationale Organisation für Normung (ISO) entwickelt ihre Normen möglichst unter Einbezug aller interessierten Parteien. Hieraus erklärt sich ihr quasi-öffentlicher Charakter und ihre breite Akzeptanz. Standards hingegen werden eher durch einen oder wenige marktmächtige Akteure gesetzt und durchgesetzt. Aufgrund ihrer Entstehung haben Normen im deutschen Sprachgebrauch nicht selten eine moralische Qualität. Ihre Anforderungen zu erfüllen, ist und fühlt sich «richtig» an. Wer sie missachtet, muss dies rechtfertigen. Standards geht diese Qualität ab. 

 

Dreiteilige Regelsysteme

Zu wissen, was regelkonform wäre, ist das eine. Aber warum sollte ich auch entsprechend handeln? Moralische Ansprüche und mögliche Gewissensbisse alleine erklären nicht, warum Normen und Standards so wirkungsvoll sind. Entscheidend ist, dass viele von ihnen einem dreiteiligen System mit eingebauten Kontroll- und Durchsetzungsmechanismen entsprechen: 

  • Der Norm- oder Standardgeber entwickelt Regeln für Unternehmen und andere Organisationen sowie für deren Zertifizierungs- oder Bewertungsstellen. 

  • Je nach Regel bescheinigt die Zertifizierungs- oder Bewertungsstelle dem Anwender seine Konformität (gegeben vs. nicht gegeben) bzw. einen bestimmten Reifegrad (schlecht, mittelmässig, gut, exzellent). 

  • Bei anerkannten Normen wie jenen der ISO ist es eine staatliche Akkreditierungsstelle, die überprüft, ob die Zertifizierungsstelle ihrerseits normenkonform zertifiziert. Bei Standards übernimmt eine private Zulassungsstelle diese Funktion. 

Diese Systeme sind seit den 1990er-Jahren entwickelt, zunehmend verfeinert und auf immer mehr Bereiche ausgeweitet worden. Zudem sind sie oft mit staatlichen Regeln und/oder miteinander verknüpft, zum Beispiel der private International Railway Industry Standard (IRIS) mit der ISO 22163 oder das private Food Safety System Certification (FSSC) mit der ISO 22000. Dass wir sorglos in den Zug einsteigen oder ins Sandwich beissen, bedeutet: Die Kontrollmechanismen in diesen Systemen greifen. Sie sichern regelkonformes Verhalten und schaffen so Vertrauen. 

 

Die Kosten von Kontrollen 

Jetzt werden Sie denken: Kein Wunder, rückt eine Anbieterin von Zertifizierungen und Bewertungen wie die SQS diese Zusammenhänge in ein positives Licht! Tatsächlich sind wir vom Nutzen der dreiteiligen Normen- und Standardsysteme sowie unserer Dienstleistungen für Kunden und Gesellschaft überzeugt. Aber wir haben ein durchaus kritisches Verständnis unseres Handwerks. Denn Kontrollen haben Kosten. 

Kontrollen bedeuten einen personellen, zeitlichen und damit finanziellen Aufwand. Damit verdient die SQS ja ihr Geld, werden Sie einwerfen. Das stimmt. Aber zum einen haben wir ein Interesse daran, dass der Nutzen von Zertifizierungen und Bewertungen deren Kosten (deutlich) übersteigt. Zum anderen werden wir unsererseits durch Akkreditierungs- und Zulassungsstellen eben auch geprüft. Wir betrachten Normen und Standards als Instrumente, die sich am Markt bewähren müssen. Deshalb sollen der damit verbundene Aufwand möglichst gering und der unternehmerische Handlungsspielraum möglichst gross bleiben. 

Kontrollen bedeuten immer auch Misstrauen gegenüber dem oder der Kontrollierten. Sei es aus böser Absicht, Unfähigkeit oder Nachlässigkeit, könnte er oder sie die Regel ja nicht (richtig) angewendet haben… Bis zu einem gewissen Grad motiviert dies selbst die Kontrollierten. Sie wissen, dass Fehlbare zur Rechenschaft gezogen werden. Kontrollen sorgen dafür, dass nicht «blind», sondern begründet vertraut wird. Werden sie allerdings zu umfangreich, kleinlich oder gar schikanös, leiden die Psyche und die Beziehungen zwischen zwei Parteien, die eigentlich dasselbe wollen: eine Zusammenarbeit, mit der gegenüber Dritten – Kunden oder anderen Stakeholdern – Glaubwürdigkeit und Vertrauen hergestellt wird.

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Dr. Alex Gertschen, Leiter Kommunikation und Vernetzung der SQS, am Lebensmitteltag 2024 in Luzern.
Bild: Nicolas Kyramarios

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Dr. René Eisenring (Teilbereichsleiter Lebensmittel und Verpackung der SQS) plädiert für Normen und Standards, die Handlungsraum gewähren und Eigenverantwortung verlangen.
Bild: Nicolas Kyramarios

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Dr. Alex Gertschen, Leiter Kommunikation und Vernetzung der SQS, am Lebensmitteltag 2024 in Luzern.
Bild: Nicolas Kyramarios

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Einige der Protagonisten des Lebensmitteltags 2024 (v.l.n.r.): Felix Müller (CEO der SQS), Felix Ortgies (Unterabteilungsleiter, Bundesinstitut für Risikobewertung), Daniela Lager (Moderatorin), Dr. Uta Verbeek (Geschäftsführerin meyer.science), Prof. Dr. Alfred Hagen Meyer (Inhaber meyer.rechtsanwalts-gesellschaft), Dr. Thomas Gude (Thomas Gude GmbH), Dr. René Eisenring (Teilbereichsleiter Lebensmittel und Verpackung der SQS), Dr. Alex Gertschen (Leiter Kommunikation und Vernetzung der SQS).
Bild: Nicolas Kyramarios

Vertrauen trotz und dank des Faktors Mensch 

Die Wirkung exzessiver Kontrollen kann sich sogar ins Gegenteil verkehren. Denn der Nutzen von Normen und Standards hängt entscheidend von den Menschen ab, die mit ihnen arbeiten – auf der Stufe der Anwender, der Zertifizierungs- und Bewertungsstellen sowie der Akkreditierungs- und Zulassungsstellen. Verspüren diese Menschen ein zu grosses Misstrauen vonseiten der Prüfenden, oder sehen sie ihren Handlungsspielraum zu sehr eingeschränkt, verlieren sie die intrinsische Motivation, die Regel sinn- und zweckgemäss anzuwenden. Freiheit und (Eigen-)Verantwortung sind zwei Seiten derselben Medaille. Wird von den Menschen im System Verantwortung eingefordert, müssen ihnen auch Freiheit gewährt und Vertrauen entgegengebracht werden.

Hier liegt natürlich der Hund begraben: Der Zweck von Normen und Standards ist es ja, dass die Menschen nicht in völliger Freiheit und nach Gutdünken handeln! Das sogenannte Regelvertrauen – in Abgrenzung von interpersonalem oder zwischenmenschlichem Vertrauen – hat damit zu tun, dass der Faktor Mensch reduziert bzw. normiert wird. Unabhängig davon, wer auf dem Richterstuhl sitzt, sollen Rechte geschützt und Urteile gefällt werden. Unabhängig davon, wer den Arztkittel übergezogen hat, sollen die Diagnose korrekt und die Behandlung heilsam sein. Das ist der Zweck der Systeme Rechtsstaat bzw. Medizin. Aber wir alle wissen: Bei allem Regelvertrauen ist die Rolle der Richterin oder des Arztes eben doch wichtig. 

Wie wichtig der Mensch im System ist, merken wir tagtäglich. Die Kompetenz, Erfahrung und Vertrauenswürdigkeit unserer Auditierenden sind entscheidend dafür, dass unsere Kundinnen und Kunden aus der Anwendung und Zertifizierung von Normen und Standards den grösstmöglichen Nutzen ziehen. Vieles ist eine Frage der richtigen, lösungsorientierten Interpretation. Der Faktor Mensch im System ist die Grundlage des Business-Case der SQS.

 

Und nun: künstliche Intelligenz 

Die Frage nach dem richtigen Mass von Kontrolle und Vertrauen, von regelkonformem Handeln sowie individueller Freiheit und Verantwortung lässt sich nie abschliessend beantworten. Sie ist immer wieder neu zu stellen. Eine kleine Umfrage anlässlich des Lebensmitteltags 2024 lässt sich unterschiedlich deuten: Für die einen befinden sich Kontrolle und Vertrauen in einem guten Verhältnis, für die anderen wird zu viel oder «falsch» kontrolliert (siehe Kasten). 

In Zeiten der künstlichen Intelligenz (KI) gewinnt diese Frage markant an Dringlichkeit und Bedeutung. Mit der KI kann der Faktor Mensch in den Normen- und Standardsystemen in völlig neuen Ausmassen kontrolliert und damit auch marginalisiert werden. Es ist möglich, dass dies eine weitere Steigerung der Effizienz und der Erwartungssicherheit erlaubt. Im Sinne einer Güterabwägung sind aber auch die vielfältigen Kosten zu beachten, die eine solche Entwicklung für den einzelnen Menschen, die Unternehmen und die Gesellschaft insgesamt bedeuten würde.

Verwendete oder weiterführende Literatur  +
  • Baberowski, Jörg (Hg.): Was ist Vertrauen? Ein interdisziplinäres Gespräch. Frankfurt am Main 2014. 
     
  • Berghoff, Hartmut: Die Zähmung des entfesselten Prometheus? Die Generierung von Vertrauenskapital und die Konstruktion des Marktes im Industrialisierungs- und Globalisierungsprozess, in: ders./Jakob Vogel (Hg.): Wirtschaftsgeschichte als Kulturgeschichte. Dimensionen eines Perspektivenwechsels. Frankfurt am Main/New York 2004, S. 143-168. 
     
  • Busch, Lawrence: Standards. Recipies for Reality, Cambridge/MA 2011. 
     
  • Fiedler, Martin: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist teuer. «Vertrauen» als Schlüsselkategorie wirtschaftlichen Handelns, in: Geschichte und Gesellschaft, 27 (2001), S. 576-92. 
     
  • Frevert, Ute: Vertrauensfragen. Eine Obsession der Moderne. München 2013.
     
  • Fukuyama, Francis: Trust: the Social Virtues and the Creation of Prosperity, New York 1996. 
     
  • Loconto, Allison, John V. Stone, Lawrence Busch: Tripartite Standards Regime, in: The Wiley-Blackwell Encyclopedia of Globalization, Chichester 2012. 
     
  • Luhmann Niklas, Vertrauen, 4. Auflage, Stuttgart 2000.
     
  • Power, Michael: The Audit Society. Rituals of Verification, Oxford 1999. 
     
  • Sutter, Kaspar: Vertrauen im Recht. Eine Theorie für den demokratischen Verfassungsstaat, Zürich 2020. 

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