Der Wert von Normen im öffentlichen Bau
Veröffentlicht am: 18.05.2026
Lesedauer
ca. 4 Minuten
Öffentliche Auftraggeber verlangen zunehmend mehr Zertifizierungen. Wer mithalten will, muss liefern. Ist das sinnvoll oder schränkt es den Wettbewerb ein? Ein Gespräch mit Louis Pfister, Global Head Quality bei Implenia. Das Unternehmen zählt laut dem Beschaffungscontrolling der Bundesverwaltung 2024 zu den umsatzstärksten Lieferanten im Bau.
Herr Pfister, Implenia baut Strassen, Tunnel oder Brücken für den Staat. Welche Rolle spielen Zertifizierungen im Geschäft mit der öffentlichen Hand?
Eine zentrale Rolle. Öffentliche Auftraggeber stellen zunehmend mehr und vielfältigere Anforderungen. Entsprechend hat die Aufrechterhaltung unserer Zertifizierungen eine klare strategische Bedeutung und sichert uns den Marktzugang zum öffentlichen Sektor.
Sind diese wachsenden Anforderungen aus Ihrer Sicht eine sinnvolle Entwicklung?
Grundsätzlich ja. Die zunehmende Fokussierung auf Qualität, Arbeitssicherheit, Umwelt und Nachhaltigkeit ist zu begrüssen. Sie stellt sicher, dass öffentliche Mittel an Unternehmen gehen, die ihre Prozesse im Griff haben.
Aber Sie sehen auch kritische Punkte?
Ja. Problematisch wird es, wenn Zertifizierungsanforderungen zum reinen Ausschlusskriterium werden, ohne dass ihr tatsächlicher Beitrag zur Auftragsqualität oder die unternehmensseitige Umsetzung des zertifizierten Systems hinterfragt wird.
Louis Pfister ist seit Herbst 2018 für Implenia tätig. Er war in verschiedenen Rollen in den Bereichen Operational Excellence, Lean Management und Qualität tätig und ist seit Juni 2025 Global Head Quality.
Wie meinen Sie das?
Ein Zertifikat allein bringt dem Auftraggeber noch keinen direkten Mehrwert. Entscheidend ist das System dahinter und wie es im Projekt gelebt wird.
Können Sie das präzisieren?
Die Normen lassen bewusst grossen Spielraum in der Umsetzung. Zwei Unternehmen können nach derselben Norm zertifiziert sein und dennoch qualitativ sehr unterschiedlich arbeiten. Ein Zertifikat signalisiert lediglich ein gewisses Mindestniveau an Prozessreife. Entscheidend ist, dass der Auftraggeber seine Qualitätsziele klar definiert und das Qualitätsmanagementsystem im Projekt nicht allein dem Auftragnehmer überlässt, sondern aktiv mitgestaltet. Erst ein gemeinsam getragenes System schöpft das Potenzial des Zertifikats richtig aus.
Im Jahr 2024 beliefen sich die Beschaffungen der zentralen Bundesverwaltung auf insgesamt 7,82 Milliarden Franken. Die Mittel verteilten sich wie folgt auf die einzelnen Bereiche:
Quellen: BAFU und Reporting Bundesverwaltung 2024
Also ist die Umsetzung entscheidend, nicht das Zertifikat?
Genau. Der Wert entsteht im Projektalltag, nicht im Nachweis. Die Risikoanalyse ist ein gutes Beispiel dafür. Unter Zeitdruck ist die Versuchung gross, eine bestehende Analyse zu kopieren, leicht anzupassen und damit die formale Anforderung zu erfüllen. Der eigentliche Mehrwert entsteht aber erst, wenn sich das Projektteam wirklich damit auseinandersetzt: Welche spezifischen Risiken hat dieses Projekt? Wo liegen die Herausforderungen? Und welche Massnahmen sind sinnvoll, um diese zu minimieren?
Wie stellen Sie sicher, dass dieser Anspruch im Alltag gelebt wird?
Der Schlüssel liegt in der Verbindung von Norm, Praxis und Menschen. Die Norm sagt uns, was wir tun müssen, aber nicht, wie. Aber genau dieses «Wie» ist entscheidend.
Und wie bringen Sie dieses «Wie» in die Organisation?
Das «Wie» muss zunächst in Form eines gemeinsamen Standards definiert werden. Über Schulungen unseres operativen Personals, aber auch die direkte Unterstützung durch Umwelt-, Sicherheits- und Qualitätsspezialisten passen wir diese Standards an projektspezifische Eigenheiten an und bringen das System im Projekt zum Leben. Dabei geht es um ganz praktische Fragen: Wie definiere ich gemeinsam mit dem Projektteam die relevanten Qualitätsziele? Wie stelle ich sicher, dass Umwelt- und Sicherheitsanforderungen nicht nur bekannt, sondern wirklich verstanden werden? Und wie entwickle ich Massnahmen, die vom Team getragen werden und im Projekt wirklich wirken? Die Umsetzung überprüfen wir anschliessend durch interne Audits. Diese verstehen wir nicht als Kontrollinstrument, sondern als Lernprozess. Denn es geht nicht darum, Häkchen zu setzen, sondern darum, uns kontinuierlich zu verbessern.
Das alles klingt nach erheblichem Aufwand.
Das ist es auch. Den Aufwand muss man jedoch in zwei Teile trennen. Einerseits die Aufrechterhaltung der zugrundeliegenden Systeme, also Prozesse, Tools und qualifiziertes Personal. Dieser Aufwand ist schwer ganzheitlich zu beziffern, aber er ist erheblich. Gleichzeitig tragen diese Systeme massgeblich zur Risikominimierung in unseren Projekten bei. Sie helfen, Sicherheits-, Umwelt- und Qualitätsvorfälle zu vermeiden. Wir würden sie auch ohne Zertifizierungspflicht betreiben, weil sie unseren langfristigen Erfolg sichern.
Und der zweite Teil?
Das ist der direkte Aufwand für die Audits und die Zertifizierung selbst. Bei einer Unternehmensgrösse wie Implenia mit etwas mehr als 100 Standorten im Zertifikat beläuft sich dieser auf einen tiefen sechsstelligen Betrag pro Jahr für die drei ISO-Normen 9001, 14001 und 45001. Die internen Aufwände für die Vorbereitung und Teilnahme unseres Personals an Audits durch den Zertifizierer sind dabei nicht eingerechnet.
Die fünf umsatzstärksten Lieferanten im Bereich «Bau» sind mehrheitlich für das ASTRA im Nationalstrassen- und Tunnelbau tätig. Vier dieser fünf Lieferanten sind SQS-Kunden.
Quellen: BAFU und Reporting Bundesverwaltung 2024
Sie sprechen die drei ISO-Normen an. Welche Zertifizierungen sind für Implenia bei öffentlichen Ausschreibungen besonders relevant?
Wir sind breit zertifiziert, insbesondere in den Bereichen Qualität, Umwelt, Arbeitssicherheit und Nachhaltigkeit. Die zentralen Standards sind die drei bereits erwähnten Normen. Für unsere deutschen Standorte arbeiten wir aktuell zusätzlich an der ISO 50001 im Bereich Energiemanagement. Und im Nachhaltigkeitsbereich gewinnen verschiedene Labels wie SNBS, DGNB oder Ratings wie Ecovadis zunehmend an Bedeutung – im privaten Sektor jedoch bislang stärker als im öffentlichen.
Zum Schluss: Wo braucht es aus Ihrer Sicht mehr Augenmass bei öffentlichen Ausschreibungen?
Zertifizierungen sind wichtig, aber sie sollten ein Mittel zum Zweck bleiben und nicht zum Selbstzweck werden. Entscheidend ist, dass Anforderungen zur Grösse und Komplexität eines Projekts passen. Denn am Ende zählt nicht das Zertifikat auf dem Papier, sondern die Qualität der Umsetzung im Projekt.
SQS-Angebote zu diesem Thema
Unser Newsletter bringt relevante und interessante Inhalte zu Ihnen
Möchten Sie informiert werden, wenn wir einen neuen Beitrag aufschalten? Dann abonnieren Sie unseren SQS-Blog-Newsletter. Sie können sich jederzeit wieder abmelden.